Test: Objektiv 7Artisans 35mm f/0.95 an der Canon EOS M5

Test: Objektiv 7Artisans 35mm f/0.95 an der Canon EOS M5

Der chinesische Hersteller 7Artisans sollte so langsam vielen im Bereich der preiswerten manuellen Objektive ein Begriff geworden sein. Seit November 2020 ist das Objektiv 35mm f/0.95 für verschiedene APS-C-Anschlüsse – Canon EOS-M, Fuji X, Nikon Z, Sony E – sowie den Micro-Four-Thirds-Mount verfügbar. Im Folgenden möchte ich von meinen Eindrücken und Erfahrungen mit diesem Objektiv an der Canon EOS M5 berichten.

Eigenschaften

Als Objektiv mit einer maximalen Blendenöffnung f/0.95 ist es extrem lichtstark und ermöglicht damit eine sehr definierte, sprich geringe Schärfentiefe . Das prädestiniert es für Porträtaufnahmen, wo sich damit der Blick des Betrachters gezielt auf ausgewählte Gesichtsbereiche – z.B. die Augen – lenken lässt.

Geringe Schärfentiefe bei f/0.95, Fokusverschiebung (1/1250s, ISO 200)

Da es sich beim 35mm f/0.95 um ein manuelles Objektiv handelt, muss die Scharfstellung von Hand erfolgen. Die geringste Fokusdistanz ist am Objektiv mit 37cm angegeben. Der Abstand von 2m ist die letzte Markierung vor ∞. Der Winkelabstand zwischen den beiden Extremeinstellungen für den Fokus ist ca. 120°. Ebenso wird die Blende direkt am Objektiv mittels eines Blendenrings, der ohne Rasterung arbeitet, eingestellt. Diese lässt sich im Bereich bis f/16 variieren. Das 35mm f/0.95 ist vollständig mechanisch und hat demzufolge auch keine elektrischen Kontakte, die Objektivinformationen (z.B. die eingestellte Blende) an die Kamera übertragen. Entsprechend sind diese Einträge in den EXIF-Informationen dann leer.

Die Brennweite von 35mm an einer Canon-APS-C-Kamera entsprechen 56mm im Vollformat. Bei den anderen APS-C-Anschlüssen (Fuji, Nikon, Sony) sind das 52.5mm, bei M43 schon 70mm. Im Fall von APS-C ist das Objektiv also minimal oberhalb der Normalbrennweite, ganz leicht im Telebereich. Damit ist es, wie schon oben geschrieben, gut für Portraitaufnahmen verwendbar. Auch als Walk-around-Linse kann es gut verwendet werden – insofern man nicht engere Stadtfluchten fotografieren will.

Äußere Form

Das Gehäuse des 35mm f/0.95 inklusive Bajonettring besteht komplett aus Metall. Die Zahlenmarkierungen – Blende, Abstand und Schärfentiefenskala – sind eingraviert und mit Farbe aufgebracht. Mit den für die große Lichtstärke nötigen Glaselementen ist es relativ schwer und bringt laut Hersteller 369g auf die Waage. Im Vergleich mit dem brennweitenmäßig ähnlichen, allerdings mit Autofokus ausgestatteten Canon EF-M 32mm f/1.4 ist es damit mehr als 50% schwerer. An der für EOS-M-Verhältnisse großen M5 macht es dennoch „eine gute Figur“. Mit dem oben im Teaser-Bild gezeigten Holster an der Kamera kann ich trotz des vergleichsweise hohen Gewichts die Kamera noch einhändig gut halten und bedienen. An den kleineren M-Modellen wie z.B. der M200 ist das Ganze dann aber sicher relativ kopflastig – vor allem verglichen mit den einfacheren EF-M-Objektiven wie dem 15-45mm und vor allem dem 22mm.

Der Objektivdeckel wird nur auf den vorderen Objektivrand aufgesteckt und hält rein durch Adhäsion. Der Innenrand des Deckels ist dabei mit einem samtigen Stoff ausgekleidet. Bisher hat der Objektivdeckel – übrigens auch komplett aus Metall – bei mir immer problemlos gehalten, wenn die Kamera in der Tasche war. Ich würde aber nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass das dauerhaft so sein wird. Eine Streulichtblende wird nicht mitgeliefert. Wie man eine solche (von einem Dritthersteller?) anbringen kann, ist mir nicht ganz klar, da der Objektivrand auf der Außenseite komplett glatt ist. Innen ist aber ein Schraubgewinde eingefräst, so dass Filter mit einem Durchmesser von 52mm verwendet werden können.

 

Von der Größe her ist es sehr ähnlich zu zwei anderen Objektiven von 7Artisans – dem 12mm f/2.8 und dem 55m f/1.4. Dies betrifft sowohl Länge als auch Durchmesser. In Bezug auf die Haptik ist das 35mm f/0.95 nach meinem Gefühl noch eine Klasse besser als die genannten beiden anderen. Sowohl Fokus- als auch Blendenring laufen geschmeidig und mit dem richtigen Grad an Dämpfung.

Handling bei der Aufnahme

Wer an seiner EOS-M-Kamera noch nie ein manuelles Objektiv angeschlossenen hatte, muss zunächst eine Menu-Einstellung ändern, damit das 35mm f/0.95 verwendbar ist. Wie oben schon geschrieben besitzt das Objektiv keinerlei elektrische Kontakte für die Kommunikation mit der Kamera. Entsprechend ist der interne Status der Kamera, dass kein Objektiv angeschlossen ist. Der Werkszustand dafür ist, dass dann die Kamera auch nicht auslöst, was aber im Menu umgestellt werden kann. Bei der EOS M5 befindet sich dieses Setting im Menu der Custom-Funktionen C.Fn II, Punkt 3. Hier muss Ohne Objektiv auslösen auf „Aktiv“ gesetzt werden.

Für ein manuelles Objektiv ist der manuelle Modus M an der Kamera natürlich wie geschaffen. Allerdings ist das Handling deutlich einfacher, wenn der Av-Modus – also die Blendenvorwahl – verwendet wird. Über den Blendenring stellt man die für die Bildwirkung gewünschte Blende ein. Die EOS-M-Kamera wählt dann die dazu und zur ISO-Einstellung passende Belichtungszeit aus.

Vor dem Auslösen ist dann nur noch die Scharfstellung vorzunehmen, wofür gerade bei kleinen Blendenwerten mit entsprechend geringer Schärfentiefe im Bild das Fokus-Peaking der Kamera sehr hilfreich ist. Im Kamera-Menu SHOOT4 stellt man dafür das MF-Peaking auf „Ein“. Die Empfindlichkeit habe ich auf „Hoch“ gesetzt. Dennoch ist es oft nicht einfach, die Schärfe bzw. die aktuelle Schärfeebene beim Blick durch den Sucher oder auf das Display gut beurteilen zu können. Dementsprechend verwende ich oft die Lupenfunktion (Taste für AF-Messfeldauswahl + vorderes Einstellrad), um auf 5- bzw. 10-fache Vergrößerung umzuschalten. Hiermit lassen sich dann auch Aufnahmen mit sehr großer Blendenöffnung gut hinsichtlich der Position des Fokuspunkts beurteilen.

Beim Fokussieren vergrößert sich die Länge des 35mm f/0.95 um ca. 7mm, wenn man den Fokusring von der Unendlichkeitseinstellung auf die minimale Naheinstellung verdreht. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, allerdings geht damit ein sogenanntes Fokus-Breathing einher. Das bedeutet, dass sich der Bildwinkel minimal verändert – es wird minimal in das Bild hineingezoomt. Das ist für mich persönlich kein Killerkriterium, soll aber erwähnt werden, da es doch auffällt, wenn man das Objektiv verwendet.

Das 35mm f/0.95 im Einsatz

Ich habe keine Labortests durchgeführt sondern beschreibe meine Erfahrungen im für mich typischen Einsatz. Das bedeutet in fast allen Fällen Freihandaufnahmen. Ausschließlich das Bild der Mundharmonika weiter unten wurde mit Stabilisierung der Kamera aufgenommen. Auch arbeite ich fast immer mit Umgebungslicht. Blitzaufnahmen sind deshalb keine dabei. Alle hier gezeigten mit dem 35mm f/0.95 aufgenommen Fotos entstanden an einer EOS M5 mit einem manuell definierten Bildstil (4, 2, 1, 0, 0, 0). Die Aufnahmen sind alles JPEGs out-of-cam und wurden nur in der Auflösung reduziert und in einigen Fällen beschnitten.

f/5.6, 1/125s, ISO 200

Die Nutzung des 35mm f/0.95 macht Spaß. Auch wenn es verhältnismäßig schwer verglichen mit anderen EF-M-Objektiven ist, so ist das Handling aufgrund der doch ziemlich kompakten Größe sehr angenehm. Empfehlenswert ist hierbei ein größerer EOS-M-Body mit Griffwulst wie EOS M5, M6 (II) oder M50. Die Haptik als auch auch die Lage, Größe und Bedienung der beiden Drehringe sind wirklich sehr gut.

Vom Bildwinkel her lässt sich das Objektiv neben Portraitaufnahmen auch gut für Aufnahmen im Außenbereich einsetzen, wo es als Normalbrennweite mit einem Öffnungswinkel von 43° einen nahezu natürlichen Bildwinkel bietet.

Man beachte den feinen Spinnfaden zwischen den oberen Zweigen (f/0.95, 1/640s, ISO 200)

Die Anfangsblende von f/0.95 ermöglicht einerseits Aufnahmen bei wenig Umgebungslicht. Darüber hinaus lassen sich sehr gut Freistelleffekte mit einem in der Unschärfe des Bokehs verschwindenden Vorder-/Hintergrund erzeugen. Dabei muss die gewünschte Schärfeebene aber korrekt getroffen werden. Entsprechend schwierig ist bei Offenblende die manuelle Einstellung des korrekten Fokusabstands. Schnappschüsse bei f/0.95 bei sich bewegenden Personen und Objekten sind schwierig oder eben häufig ein Glücksspiel.

Bezüglich der Schärfe ist das 35mm f/0.95 kein Überperformer. Das ist vor allem im Bereich der Anfangsblende und in Anbetracht des Preises auch nicht zu erwarten. Es bringt doch aber genügend Schärfe ins Bild, so dass es ohne schwerwiegende Einschränkungen zu verwenden ist. Selbst bei Offenblende sind die Bildränder akzeptabel in der Schärfe, die Mitte ist sogar sehr gut meiner Meinung nach. Das sieht man gut in der untenstehenden Bilderreihe.

Was generell bei den Fotos auffällt, sind doch recht deutlich sichtbare Farbsäume bei Aufnahmen mit maximal geöffneter Blende f/0.95. Im Foto des Auto-Cockpits sieht man diese sehr gut im Bereich der Ränder der silberfarbenen Knöpfe. Von einem 35mm-Objektiv hätte ich das nicht so deutlich erwartet, treten chromatische Aberrationen doch eher bei Weitwinkelobjektiven auf. Allerdings habe ich mit so lichtstarken Objektiven bisher auch keine Erfahrungen gehabt. Dramatisch sind diese Farbfehler insofern aber nicht, da bessere Software für die Fotobearbeitung hierfür passende Korrekturfunktionen anbietet.

Deutliche sichtbare chromatische Aberrationen im Bereich der silberfarbenen Knöpfe (f/0.95, 1/1600s, ISO 400)

Mein Fazit

Die erste Charge des seit November 2020 erhältlichen und ca. 270€ teuren (Preis vom 01. Jan. 2021) Objektivs scheint vergriffen. Weder beim deutschen Distributor B.I.G. photo equipment noch den gängigen Online-Foto-Händlern ist es vor Februar 2021 lieferbar. Ob das jetzt für einen überwältigenden Verkaufserfolg spricht oder schlicht bisher nur eine kleine Anzahl vom 35mm f/0.95 produziert wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.

Für mich ist das 35mm f/0.95 von 7Artisans ein echter Gewinn. Es stellt einerseits eine vielseitig einsetzbare Brennweite dar, hat aber natürlich mit der hohen Lichtstärke ein herausstechendes Alleinstellungsmerkmal verglichen mit den anderen auch im Bereich der 30mm erhältlichen Festbrennweiten (Canon, Sigma, Viltrox) für den EF-M-Anschluss. Anders als bei den drei genannten Konkurrenten, die allesamt Autofokus-Objektive sind, muss die Handhabung erlernt werden – vor allem, wenn man mit den f/0.95 arbeitet. Die Ergebnisse, die man mit diesem Objektiv erzielen kann, stellen mich voll zufrieden. 

Dieses manuelle, lichtstarke Objektiv wird zu einem vergleichsweise geringen Preis verkauft und lädt auch deshalb zum Experimentieren mit so einer Offenblende ein. Wenn man sich im Klaren darüber ist, was das Objektiv kann und was eben auch nicht, stellt es eine interessante und empfehlenswerte Erweiterung für das eigene EF-M-Objektiv-Portfolio dar.


Beitrag teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.